Die Kuhflüsterin aus Stolzenhagen: Anja Hradetzky ist die neue Grüne Gründerin

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Die Kuhflüsterin aus Stolzenhagen: Anja Hradetzky ist die neue Grüne Gründerin Petra Budke - gruene-brandenburg.de - Grüne Brandenburg
(BUP) Heute Vormittag hat die Brandenburger Landesvorsitzende von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN PETRA BUDKE die Bio-Bäuerin Anja Hradetzky als Grüne Gründerin ausgezeichnet. Den Preis vergibt der Brandenburger Landesverband seit Mai 2016 an Existenzgründerinnen in der Mark Brandenburg, die sich mit originellen und nachhaltigen Ideen selbständig gemacht haben, um ihnen mehr Präsenz in der Öffentlichkeit zu geben und ihren Mut und Geschäftssinn zu würdigen. Anja Hradetzky ist die 19. Grüne Gründerin. PETRA BUDKE übergab die Urkunde dafür, dass sich die 31-Jährige im Dezember 2016 als Trainerin für wesensgemäße Tierhaltung selbständig gemacht hat: „Sie haben sich als Frau in eine männliche Domäne vorgewagt und sind Europas einzige Kuhflüsterin. Stressarmer Umgang mit den Kühen, ohne Schreien, ohne Gewalt, das zeigen Sie eindrucksvoll, wenn Sie auf Ihrem Ökohof „Stolze Kuh“ die Kühe mit ihren Kälbern zusammenbringen. Sie leisten Bildungsarbeit und geben Seminare, in denen Sie die Methoden zu „Low Stress Stockmanship“ vermitteln, also dem stressarmen Umgang mit Herdentieren. Darüber hinaus halten Sie Rinder alter Rassen, die vom Aussterben bedroht sind.“

Die 31-jährige Anja Hradetzky, die in Eberswalde an der Hochschule für Nachhaltige Entwicklung Ökolandbau und Vermarktung studiert hat, freute sich über die Anerkennung ihrer vielfältigen Arbeit. Sie machte darauf aufmerksam, wie Frauen viele Hürden in den Weg auf dem Weg in die Selbständigkeit gelegt werden. Von dem Minimum an Elterngeld von 300 Euro kann sie nicht einmal die Krankenversicherung zahlen. Zudem zieht sie zwei kleine Kinder groß und sagt: „Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist eine Lüge. Es geht immer zu Lasten des Kindes und der Mutter.“ Dennoch ermutigt sie Gründerinnen: „Es ist erfüllend, sein eigenes Ding zu machen. Nur mehr Support könnten alle Frauen vertragen. Die Kraft ziehe ich draus, wenn ich mit den Kühen alleine bin. Ich mache das nicht für mich, auch nicht für Geld, sondern für die Tiere.“

Anja Hradetzky und ihr Mann Janusz (30 Jahre) haben rund 90 Rinder, darunter 30 Milchkühe und 17 Kälber, auf 160 Hektar Land. Das haben Sie von der Stiftung des deutsch-polnischen Nationalparks Unteres Odertal sowie von der Stiftung des Naturschutzbundes Deutschland gepachtet – ein Glück für die Jungbäuerin aus Sachsen und den Landwirt aus Polen, denn beide hatten kein eigenes Kapital und kein Land. Ein Hindernis für viele junge Landwirte, weiß auch Dr. Michael Luthardt, bündnisgrüner Gemeindevertreter in Chorin, der zur Auszeichnung auf den Hof kam: „Anja ist ein Leuchtturm im Barnim, ein echtes Vorbild in der Landwirtschaft. Es heißt immer, junge Leute interessieren sich nicht für die Landwirtschaft. Das stimmt gar nicht. Sie kommen nur nicht an Flächen heran.“

Das Kuhflüstern, also den wesensgemäßen Umgang mit den Rindern, hat Anja Hradetzky in Kanada gelernt. „Das funktioniert allein durch Körpersprache. Man muss resolut auftreten und auf keinen Fall ranpirschen. Kühe laufen halb so langsam wie Menschen – mich bringen sie zur Ruhe, ich bin eher ein hektischer Mensch.“ Bei den Hradetzkys dürfen die Kühe ihre Hörner behalten, und sie sind den ganzen Sommer über auf der Weide draußen und fressen Gras, im Winter Heu – Silage wird nicht zugefüttert. Und vor allem: Die Mutterkuh wird nicht nach der Geburt von ihrem Kalb getrennt und dies mit Milchpulver ernährt, sondern eine Woche darf das Kalb bei der Mutter am Euter saugen. Danach gewöhnt Anja Hradetzy das Kalb behutsam an eine andere Kuh, die es quasi adoptiert und zwei oder sogar drei Kälber säugt: ammengebundene Aufzucht heißt das. Zwischen den Kühen wacht ein Bulle über seine Herde, er darf noch nach Herzenslust beturteln und besteigen. Den Bedürfnissen der Kuh gerecht werden, das macht wesensgemäße Weidentierhaltung aus, sagt Anja Hradetzky, dafür leistet sie ihre Bildungsarbeit: „Was steckt alles hinter einem Liter Milch, das weiß ja kaum mehr jemand.“

Aus den 10 bis 15 Litern Milch, die eine Kuh auf dem Ökohof gibt – im Vergleich zu auf Hochleistung getrimmten Kühen, die 30 Liter am Tag geben, ist das eher wenig – stellt Ehemann Janusz Hradetzky Halloumi und Weichkäse in der eigenen handwerklichen Käserei her. Milch, Wurst und Fleisch und Eier verkaufen sie in ihrem kleinen Hofladen. Die Stolzenhagener nehmen es gerne an, auch Berliner kommen am Sonnabend auf den Ökohof gefahren. Das Bewusstsein, für ökologisch hergestellte Lebensmittel mehr zu zahlen, wächst langsam, sagt Anja Hradetzky: „Das größte Kompliment ist es, wenn Veganer sagen: hier kann ich Fleisch essen.“

Anja Hradetzky setzt sich zudem für die dörfliche Gemeinschaft und die Vernetzung der Jungbauern ein. Sie organisiert Bauernmärkte, Workshops mit anderen Jungbauern der Oderregion, den Dörferstammtisch, sie bewirbt sich bei „Unser Dorf hat Zukunft“ und möchte im Nachbarort Lunow eine Schule gründen.

Quelle: Bündnis 90/Die Grünen Brandenburg

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