Von Marietta Schwarz
Im Frühling wächst das Gras. Für Gärtner ist das ein Graus. Doch die Zeiten des mühsamen Rasenmähens sind vorüber: Denn der Mähroboter sorgt für einen akkuraten Schnitt – und sagt damit viel über unsere Gesellschaft aus.
Vor knapp einem Jahr hielt ich mich zu einem Yoga-Retreat in Tirol auf: traumhaftes Hotel, alles bio, ein Naturpool mit Blick auf die Gipfel. Der Garten mit den großen Findlingen und der kargen Bepflanzung hatte etwas von einem Zen-Garten. Wäre da nicht dieser Mähroboter gewesen, der sich am Morgen und früh abends aus seinem Versteck schlich und leise surrend seine Bahnen zog.
Ein Fremdkörper, ein außerirdisches Wesen, das wie ein geducktes Tier mit sportlicher Plastikkarosserie sein Eigenleben in diesem stillen Gärtlein führte. Wir schauten fasziniert zu, schüttelten manchmal den Kopf oder schmunzelten.
„Ich glaube, das ist die Faszination des Roboters. Er bewegt sich ja auf eine sehr komplexe Art und Weise. Wie so ein Haustier!“, sagt Rajinder Mehra, Chefdesigner des Marktführers Husqvarna.
Der erste Mähroboter, so Mehra, sah mit seinen Solarpaneelen auf dem Rücken tatsächlich aus wie eine Schildkröte. 1995 war das. Seither ist viel passiert. Die Roboter werden immer leistungsstärker und ausgeklügelter in der Technik.
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Das Modell mit Allradantrieb von Husqvarna wurde vergangenes Jahr mit dem Red Dot Design Award gekürt: der SUV unter den Rasenmähern.
„Die Idee war, etwas zu entwickeln für unsere Kunden, die schwieriges Gelände haben“, erläutert Mehra. „Das war dann das Vier-Rad-Konzept. Alle vier Räder sehen gleich aus, und das Gerät kann sich um 280 Grad drehen, das wollten wir mit dem Design betonen, dass dies ein anderer Typ Mäher ist.“
Dieser Typ 435 X erinnert mich mit seinen farbig hinterlegten Felgen an einen geschrumpften Porsche Cayenne. Manche assoziieren auch ein Batmobil. Aber das war nicht die Intention, sag Mehra: „Er soll eher wie eine Kreatur aussehen. Ein Freund. Ein Kamerad im Garten!“
Von Tirol über das schwedische Designlabor von Husqvarna geht es in meine Heimatstadt Mainz. Im Rhein-Main-Gebiet gibt es viele Einfamilienhaussiedlungen, ist doch klar, dass der Bedarf an Mährobotern groß ist, sagt der Fachhändler Gerald Hans:
„Wir leben in einer arbeitsteiligen Welt. Wenn Leute 50, 60, 70 Kilometer pendeln, wann wollen die denn den Rasen mähen?“
Außerdem, denke ich mir, steigt auch der Anspruch an den eigenen Rasen, wenn es beim Nachbarn wie auf dem Golfplatz aussieht. Der Kick bei diesem Gerät ist, dass es permanent mäht und der Rasenschnitt, quasi Pulver, als Dung liegenbleibt.
„Wenn man nicht sieht“, sagt Hans, „dass der Rasenroboter mäht, dann mäht er richtig.“
Seine Kunden lassen sich das was kosten: Anschaffung so um 1000 Euro und jährlich 150 Euro Wartungsgebühren. Zudem die Einrichtung: Der Roboter soll nicht ins Staudenbeet fahren.
Nachts mähen lassen, wenn die Igel aktiv sind, sagt Hans, sei ebenso wenig empfehlenswert wie tagsüber, wenn die Kleinkinder auf der Wiese spielen. Dieser Mähroboter – ist das jetzt wirklich ein „Diener“, ein „guter Freund“ oder doch eher ein kleiner Tyrann im Garten?
„Der Mähroboter hat seine Fläche. Und in dieser Fläche ist er quasi der King, d.h. er will überall durch“, sagt Hans.
Und: Er hat auch spezielle Vorstellungen, wie sein optimales Umfeld, seine „Spielwiese“ aussieht: „quadratisch, praktisch, rund und überall 25 Zentimeter Platten“, so Hans.
Der ideale Mähroboter-Rasen braucht eine „Pufferzone“ zum Zaun, weil er die Ränder nicht bewältigen kann – deshalb die Platten.
Herr Hans will das nicht. Viele seiner Kunden aber schon. Die wollen den perfekt rasierten Rasen, sagt er. Die kriegen auch eine Depression, wenn die Robotergarage an der falschen Stelle ist. Der muss auch geparkt werden.
Apropos Auto: Umlackieren kommt auch vor – z.B. Ferrari-rot. Das sei zwar auf eine Art verrückt, aber, so folgert Hans. „Das ist einfach ne emotionale Sache.“
Er hat ein bisschen was von einer invasiven Art in der Natur, dieser Mähroboter. Wurde eingeschleppt, breitet sich aus und verdrängt, was ihm im Wege steht.
Man kann sich  gerne Hilfe holen, aber lassen Sie sich von Ihrem Helferlein nicht überrumpeln. Am Ende ist es doch nur ein Rasenmäher.
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